IMHO: Die Vorteile der Daumentechnik

Einführung

Da mich die Vielfalt des Bogenschießens fasziniert, bin ich immer begeistert, wenn ich neue Dinge kennenlernen kann. Vor allem, wenn sie die Sicht auf die bereits bekannten Dinge verändern oder erweitern.

Nicht nur die englischen Langbogenschützen des Mittelalters haben bis heute einen legendären Ruf, sondern auch die Bogenschützen aus dem Orient. Egal ob die Hunnen, Mongolen, Magyaren, Osmanen etc. etc. Sie alle haben eine radikal andere Bogenschießtechnik mit der sie die Völkerwanderung oder die Geburt des Rittertums auslösten oder das osmanische Reich zu ihrer Größe verhalfen. Auch die Ausdehnung des islamischen Einflusses bis nach Spanien hinein, wäre ohne die besondere Bogenschießtechnik und ihre Möglichkeiten viel schwieriger gewesen.

Der gesamte Orient (also alles was östlich/südlich von Europa liegt) und auch die amerikanischen Ureinwohner haben (i.d.R.) mit der Daumentechnik geschossen, was darauf hindeutet, dass diese Technik schon von den Asiaten vor der Einwanderung der ersten Menschen nach Amerika genutzt wurde. Die einzige mir bekannte Ausnahme sind die englischen bzw. europäischen Bogenschützen (und auch da gibt es Stimmen, die das Gegenteil behaupten – ich halte das aber nicht für plausibel. Aber das ist hier nicht das Thema).

Das ist also ein wirklich spannendes Thema und zeigt, dass es wohl gute Gründe geben muss. Das war mir zwar alles seit langem bewusst, ich habe mich aber trotzdem erstmal auf die europäische Bogentradition konzentriert, weil ich mich nicht verzetteln wollte. Und die ist ja auch schon sehr beachtenswert.

Ich beschäftige mich aber jetzt schon seit einiger Zeit ab und an mit dem Thema Daumentechnik. Eines der Meetings geht ja auch um dieses Thema. Mittlerweile habe ich etwas praktische Erfahrung und auch ein wenig Hintergrundwissen angesammelt. So dass ich erste Einschätzungen zum besten geben kann.

Erstmal: ich bin da noch der totale Anfänger. Aber ich kann schon sehen, dass auch diese Techniken Feinheiten besitzt, die ich zwar aktuell noch nicht beherrsche, die aber den Nutzen weiter erhöhen, wie ich selbst schon jetzt merke, wenn ich mich daran versuche.

Unterschiede…

Das sind also die Besonderheiten und Unterschiede zum modernen, westlichen Bogenschießstil (erstmal ganz grob):

  • Die Sehne wird mit dem Daumen gezogen (Überraschung!)
    Modern: Mediteran oder Untergriff, i.d.R. mit den drei Fingern: Zeige- Mittel- und Ringfinger)
  • Der Pfeil wird auf der Daumenseite des Bogen aufgelegt.
    Modern: Der Pfeil liegt auf dem Handrücken (bzw. auf einer Pfeilablage auf der Handrückenseite des Bogens)

Das ändert eigentlich fast alles. Was alles, das ist die Entdeckungsreise auf der ich mich gerade befinde.

… und deren Folgen

Folgendes habe ich bisher herausgefunden:

  • Archers Paradox: Die S-förmige Schwingung der Sehne verläuft jetzt genau anders herum. Daraus folgt erstmal: Man braucht eigentlich keinen Armschutz mehr. (Jedenfalls ich nicht)
  • Das erste Daumenglied liegt (bei mir) 7-8 cm (3 Zoll) weiter hinten als die ersten Fingerglieder. Das bedeutet bei gleichem Ankerpunkt ist der Auszug 3 Zoll weiter hinten.
  • Das Lösen mit Daumentechnik scheint deutlich effizienter zu sein. Selbst bei gleicher Auszugslänge fliegt der Pfeil deutlich schneller (werde diesen ersten Eindruck demnächst mal nachmessen und hier das Ergebnis ergänzen)
  • Der Pfeil zeigt, wenn auf der Pfeilauflage oder dem Daumen liegt viel weiter nach rechts (bei einem Rechtshandschützen).

    Das heißt: Der Pfeil liegt auf der Daumenseite rechts vom Bogen. Daher zeigt die Pfeilspitze viel weiter nach rechts, als wenn ich den Pfeil auf die Handrückenseite lege.
    Wenn man jetzt den Pfeil zum Ziel bringen will, dann muss der Bogenarm weiter nach links gedreht werden. Wenn man diese Drehung nicht im Stand (mit den Füßen) oder mit einer Drehung in der Hüfte macht, sondern mit dem Bogenarm, dann wird der Bogen noch einmal um etwa einen halben bis ganzen Zoll weiter gespannt. Dadurch wird die Bogenschulter mehr durchgebogen und ein häufiger Lösefehler in der Schulter wird tendenziell geringer.
  • Der Pfeil ist beim Auflegen und beim Spannen immer völlig fixiert und unter Kontrolle. Da wackelt nix. Da fällt nix runter. Das bleibt auch beim Ausziehen des Bogen so. Es ist quasi nicht möglich, dass der Pfeil von der Pfeilauflage oder Hand rutscht. Nur dadurch ist Bogenschießen auf einem galoppierenden Pferd möglich geworden. Das ist sicherlich DAS Erfolgsrezept all der oben genannten Völker gewesen.
  • Die Handhaltung des Zugarms ist nicht so verdreht, wie beim modernen Schießstil.

    Einfach mal ausprobieren: Die Hand des Zugarms einfach mal auf den Bauch legen. Dann den Arm in Schussposition bringen (ohne die Hand zu drehen, nur den Arm in der Schulter hochheben). Die Hand ist jetzt um ca. 90° gegenüber dem modernen Stil gedreht und entspricht der Handposition bei der Daumentechnik. Wenn man jetzt die Hand dreht (Handfläche zum Gesicht), wie es der moderne Schießstil erfordert, merkt man sofort, dass diese Handposition deutlich verkrampfter/unnatürlicher wirkt.
  • Zwei typische Arten von Lösefehler werden abgeschwächt bzw. können nicht mehr auftreten:
    • Lösefehler I: Der Bogenarm bewegt sich beim Lösen etwas zur Seite. (bei einem Rechtshandschützen nach links)
      Das kann bei der Daumentechnik (fast) genau so gut passieren. Aber: Wenn das passiert, bewegt sich bei der Daumentechnik der Bogen vom Pfeil weg und schiebt nicht den Pfeilschaft zur Seite, wie beim modernen Stil.

      Warum nur fast:
      Dieser Fehler entsteht durch eine nicht kontrollierte Spannung zwischen Bogenhand und dem Ellbogen der Zughand. Der eigene Körper wird quasi genau wie der Bogen gespannt (und logischerweise auch mit der gleichen Kraft). Die „Sehne“ ist dabei der ausgezogene Bogen und der Unterarm der Zughand. Der „Bogen“ ist die Bogenhand und -arm, die Schulterpartie und der Oberarm des Zugarms. Und genau wie der Bogen beim Lösen wieder in die Ausgangsstellung zurück schnellt, macht das der Körper-Bogen auch, wenn er sich nicht steif genug macht und selbst wie eine Feder wirkt. Dann kommt es zum oben genannten Zucken der Bogenhand.

      (Übrigens überträgt sich so auch ein Teil der Energie des Bogens auf den Körper und nicht auf den Pfeil -> Der Pfeil wird langsamer)

      Um diesen Fehler zu verhindern/abzuschwächen schiebt man beim modernen Stil die Schulter der Zughand weiter nach vorne Richtung Pfeil. Das passiert, wie oben beschrieben bei der Daumentechnik quasi von selbst.

      Grundsätzlich sollte man aber soviel lbs im Körperbogen haben, dass er sich nicht wesentlich mit biegt und nicht wie eine Feder wirkt.
    • Lösefehler II: Die drei Finger der Zughand lösen sich nicht bei jedem Schuss exakt gleich. Das kann ein minimaler zeitlicher Versatz sein und/oder die Finger halten nicht bei jedem Schuss den exakt gleichen Anteil des Zuggewichtes.

      Der Pfeil reagiert auf diesen Fehler wahnsinnig empfindlich. Dieser Fehler ist hauptsächlich für die Streuung selbst bei guten Serien verantwortlich. (Zumindest mein Eindruck bei mir)

      Dieser Lösefehler fällt bei der Daumentechnik komplett weg, weil nur ein einziger Finger die Sehne hält.
  • Das maximal mögliche Zuggewicht ist bei der Daumentechnik vermutlich kleiner, als beim modernen Stil, weil der Daumen früher seine Belastungsgrenze erreicht, als die drei Finger beim modernen Stil. Die drei Finger sind ja dazu designed Gewichte zu tragen. Der Daumen nicht. Ich schieße derzeit ein Zuggewicht bis 70lbs mit Daumentechnik. Das merkt man bereits deutlich. Sehr viel mehr geht da wohl nicht mehr.
  • Das Auflegen und Einnocken des Pfeils erfordert deutlich weniger Umgreifen der Zughand und ist daher bei weitem nicht mehr so umständlich, wie beim modernen Stil.
  • Selbst Blankbogenschießen inkl. Zielen und Stringwalking ist mit Daumentechnik sehr gut möglich.

    Ich habe es nur kurz ausprobiert und den LH-Blankbogen meiner Frau mit ihren Pfeilen geschossen und auf 20m den ersten Pfeil direkt ins Gold versenkt. (Stringwalking und über die Pfeilspitze das Ziel anvisiert). Für ein feingliedriges Stringwalking muss man sich was einfallen lassen, aber ansonsten klappt das hervorragend. Durch leichtes Kippen des Bogens kann man sein Auge exakt über dem Pfeil positionieren ohne dass eine Sehne die Sicht versperrt.
    Das erscheint mir sehr vielversprechend.

    Das legt sogar die Vermutung nahe, dass das auch mit einem Visier gehen könnte.

Vorteile und Fazit

Damit erschließen sich einige deutliche Vorteile der Daumentechnik gegenüber dem modernen Schießstil:

  • Eine deutlich erhöhte Pfeilgeschwindigkeit (längerer Auszug)
  • Präzisere Schüsse (typische Lösefehler können nicht mehr auftreten bzw. werden abgeschwächt s.o.)
  • Im modernen Bogensport nicht mehr wichtig, aber das Einnocken des Pfeils geht viel problemloser und bei Bedarf schneller. Extrem: Lars Andersen
  • Das Zielen über die Pfeilspitze ist entgegen gängiger Meinung durch leichtes Drehen des Bogens hervorragend möglich.

Nachteile? Bisher haben sich alle behaupteten Nachteile bei näherer Betrachtung als nicht stichhaltig erwiesen. Einzig die frühere Limitierung des Zuggewichtes bleibt bisher bestehen. Aber das sollte für die meisten wohl kein Hinderungsgrund sein, da die Grenze weit jenseits dessen liegt, was im modernen Bogensport üblich ist.

Gründe für die Dominanz des modernen Bogenschießstils

Die ganze Welt scheint heutzutage trotzdem die moderne Technik zu schießen. Warum?

Da kann man nur spekulieren. Aktuell habe ich folgende Erklärung:

Das mittelalterliche Rittertum als Stand wurde in Frankreich durch Eroberung von Spanien durch die Mauren ausgelöst, die versuchten die Pyrenäen zu überwinden (8. Jahrhundert). In Mitteleuropa waren es die ständigen Überfälle und Raubzüge der Magyaren aus dem heute ungarischen Raum (9. Jahrhundert). Die Verteidigung gegen dieses Reitervolk war nur möglich, wenn man Rüstungen trug. Das erfordert speziell ausgerüstete, bewaffnete und geschulte Krieger: die Ritter. Vorher haben sich die Bewohner zu Fuß ungerüstet versucht zu verteidigen und hatten natürlich nicht die geringste Chance gegen berittene Bogenschützen. Also brauchte man berittene und gerüstete Krieger die dem Pfeilhagel standhalten konnten und den schnellen Bewegungen des Gegners etwas entgegen halten konnten.

Die Ritter waren geboren. Die Daumentechnik machte es aber wohl unmöglich so starke Bögen zu nutzen, wie es notwendig war um die schweren Rüstungen der Ritter zu durchdringen.

Die englischen Kriegsbögen hatten wohl Zuggewichte von bis zu 160lbs und verschießen Pfeile mit einer Wucht, die das mehrfache eines kräftigen Schlages eines Schmiedehammers entspricht. Solche Bögen kann man wohl nicht mehr mit dem Daumen spannen. Da machte der mediterane Griff mehr Sinn (der slavische Griff, würde wohl auch funktionieren. Der hat aber andere Nachteile).

Vermutlich haben Engländer (und andere europäische Völker) auch immer schon den Bogen so genutzt. Der Vorteil dieser Schießtechnik gegenüber der orientalischen Technik war aber jetzt einzig und allein der, dass man Bogen mit einer Zugkraft schießen konnte, die Rüstungen durchschlagen konnten. Aber das war zu dieser Zeit der entscheidende Vorteil.

Der englische Langbogen trat in Folge seinen Siegeszug in Mittel- und Westeuropa an. Und die englischen Langbogenschützen wurden spätestens im 100 jährigen Krieg zur Legende und zum Vorbild für ganz Europa.

Dann begann die Zeit der Muskete und das Bogenschießen wurde zur Tradition und zum Sport – vor allem in England. Auch als Hommage an vergangene Zeiten (typisch britisch, bis heute).

Der moderne europäische Schießstil entwickelte sich in den nächsten Jahrhunderten (zurück) aus dem Schießstil, den die englischen Kriegsbögen erforderten und passte sich sich dem jeweiligen Zeitgeist an. Das stocksteife und gerade aufgerichtete Stehen war in späteren, steiferen Zeiten sehr gentlemen- und ladylike.

Der ursprüngliche Schießstil geriet dabei in Vergessenheit und verkümmerte immer mehr. Die Bögen wurden schwächer bis sie kaum mehr in der Lage waren, die Haut eines größeren Tieren zu durchdringen. Das Nach-Vorne-Beugen des Oberkörpers, die Nutzung der gesamten Rückenmuskulatur, der Verlust der Reichweite und der Zielgenauigkeit auf größere Distanzen war alles nicht mehr wichtig, wenn man lediglich auf weiche Zielscheiben schießt, die recht nahe bei einem stehen.

Für die weltweite Verbreitung dieses „modernen“ Schießstils sorgte dann die Expansion der Europäer, insbesonders der Engländer (Commonwearth) über die ganze Welt. Lokale Bogenschießtraditionen wurden dabei, wie z.B. in Indien, brutal unterdrückt und ausgerottet (und die Bogenschützen ab und an gleich mit). Dadurch wurde die orientalische Daumentechnik bis heute im modernen Bogenschießsport zum Exot und an den Rand gedrängt.

Heute nutzt man also eine verkümmerte Version des mittelalterlichen, englischen Schießstils um damit auf Ziele zu schießen, für die die Daumentechnik eigentlich viel besser geeignet wäre.

Das Alles zeigt: Nicht immer ist Modern auch besser. Manchmal ist Fortschritt ein Rückschritt.

Mein Eindruck ist aber, dass die Daumentechnik derzeit eine kleine Wiedergeburt erlebt. Lehrvideos zu dieser Technik bei Youtube schießen wie Pilze aus dem Boden. Ich nutze sie auch intensiv. Ich kann da vor allem die Videos von Armin Hirmer (1) (2) empfehlen.